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Mai 2009

Kunstturnen Knaben

Seit 100 Jahren Kunstturnen in Opfikon-Glattbrugg

Kunstturnen ist eine der klassischen olympischen Sportarten und hat in unserem Lande eine grosse Tradition. So stellten die Kunstturner in der Person von Louis Zutter 1896 in Athen mit Gold am Pferdpauschen gar den ersten Schweizer Olympiasieger. Bis zum verhängnisvollen Olympiaboykott 1956 in Melbourn war die Schweiz die führende Turnnation. In der Folge, vor allem durch den Eintritt der Sowjetunion, Japans und später Chinas in die Turnszene, rutschte die Schweiz ins Mittelfeld ab und wurden damit internationale Erfolge seltener. Dennoch geniesst das Kunstturnen auch heute noch einen grossen Rückhalt in der Bevölkerung. Ein Beispiel dafür ist die überwältigende Resonanz auf die jüngsten Erfolge von Ariella Käslin.

Kunstturnen im TV Opfikon-Glattbrugg ist so alt, wie der Verein selber. Von Beginn an bestritten die Kunstturner nicht nur Einzelwettkämpfe, sondern engagierten sich auch im Sektionsturnen und waren damit für ein hohes Niveau im geräteturnerischen Bereich in unserem Verein verantwortlich. Dem Bericht vom Turntag des Glatt- und Limmattal-Turnverbandes aus dem Jahre 1919 ist beispielsweise zu entnehmen, dass der Opfiker Kunstturner, August Meier, den Rang 10b unter 117 Wettkämpfer erreichte und den vielbegehrten Lorbeerkranz errang. Dabei gab es im damals üblichen Zehnkampf neben den klassischen Gerätturndiszipinen Reck, ‘Freiübung‘, Pferdsprung, Barren und Pauschenpferd auch die leichtathletischen Disziplinen Weit-, Hoch- und Stabhochsprung sowie einen Schnelllauf zu bewältigen. Umso erstaunlicher sind die Leistungen der Opfiker Kunstturner aus der Anfangszeit, wenn man bedenkt, dass die damaligen Trainingsverhältnisse äusserst prekär waren und beispielsweise das Reckturnen nur bei schönem Wetter auf dem Turnplatz in der Mettlen möglich war.

Einen ersten Aufschwung erhielt das Kunstturnen im Jahre 1941 mit der Gründung der Jugendriege. Auch wenn man in der “Jugi“ in dieser Zeit noch nicht nach Sportarten getrennt trainierte, wurde doch erstmals systematisch Nachwuchsarbeit im TVO betrieben. Einen weiteren Entwicklungsschub nahm das Kunstturnen in unserer Gemeinde 1954 mit der Einweihung der Schulanlage Halden und damit auch einer gut ausgerüsteten Turnhalle, die auch heute noch Heimat der TVO-Kunstturner/-innen ist. Anfang der 60er Jahre - die ‘allgemeine‘ war mittlerweile in eine Kunstturner- und Leichtathletik-Jugendriege aufgeteilt worden - waren es dann hauptsächlich die beiden Turnexperten Max Suter und Walter Hottinger, die mit konsequenter Nachwuchsarbeit eine äusserst erfolgreiche Kunstturnerriege betrieben, welche diverse kantonale und eidgenössische Kranzturner und Sieger an kantonalen und regionalen Wettkämpfen hervorbrachte.

Neben der Teilnahme an Kunstturn-Veranstaltungen war eine weitere Zielsetzung für die Verantwortlichen immer auch, die Aktivsektion mit Nachwuchskräften zu versorgen und damit den hohen Leistungsstandard des TVO im Sektionsturnen aufrecht zu erhalten.

Leistungssport vs. Breitensport

Noch bis in die 80er-Jahre wurde Kunstturnen zur Hauptsache als Breitensport in den Vereinen betrieben und nur die Allerbesten liessen sich zusätzlich in kantonalen und nationalen Trainingszentren zum Spitzensportler ausbilden. Mit den stetig steigenden Anforderungen, die das Kunstturnen an die jungend Athletn stellte und dem Anspruch des Schweizerischen Turnverbandes, den Anschluss an die Spitze wieder herstellen zu wollen, mussten auch strukturelle Änderungen vorgenommen werden. Um die athletischen Voraussetzungen zu verbessern, musste neu bereits im Kindergartenalter mit dem Training begonnen werden und die talentierten Buben schon viel früher regionalen Trainingszentren zugeführt werden, wo sie unter professioneller Betreuung zum Kunstturner reifen sollten. Von dieser Entwicklung blieb auch der TVO nicht verschont. Während beispielsweise vor 25 Jahren das Alter der Turner in der Kunstturnerriege noch zwischen 10 und 22 Jahren lag, ist es in der heutigen Kunst- und Geräteturnerrieg zwischen 5 und 15 Jahren. Wie nicht zuletzt auch der geänderte Riegenname bezeugt, musste auch die Zielsetzung entsprechend angepasst werden. Heute werden im Verein 5-7-jährige Knaben erfasst, mit dem Ziel, die Voraussetzungen zu erarbeiten, die ihnen einen Übertritt in ein regionales Leistungszentrum und damit den Zugang zum Kunstturnen als Spitzensport ermöglichen. Wer das nicht schafft bestreitet anfänglich weiterhin Wettkämpfe im Kunstturnen und wechselt idealerweise über kurz oder lang ins breitensportorientierte Geräteturnen. Im Gegensatz zum Kunstturnen, das seit 1936 aus den Disziplinen Sprung, Boden-, Pauschenpferd-, Ringe-, Barren- und Reckturnen besteht besteht, wird im Geräteturnen das trainingsintensive Pauschenpferd weggelassen, das kräftezehrende Ringeturnen durch das Turnen an den Schaukelringen ersetzt und an Stelle des Sprunges mittels Sprungbrett über den Tisch das Minitrampolinspringen angeboten. Auf diese Art möchte man im TVO wie eh und je zum einen das Kunstturnen fördern und andrerseits die Knaben bei der Stange halten, um weiterhin der Gerätesektion Nachwuchs zu sichern.

Die Geräte- und Kunstturnerriege des TVO, umfasst derzeit 18 Knaben, die in verschiedenen Gruppen mit unterschiedlicher Zielsetzung trainieren. In erster Linie von sich reden machen dabei diejenigen, welche teilweise oder vollumfänglich - das heisst, bis zu 25 Stunden pro Woche - im Regionalen Leistungszentrum in Rümlang trainieren und die TVO-Farben mit einigem Erfolg auch an nationalen Titelkämpfen vertreten. Zu ihnen gehören, als Mitglied des erweiteren Schweizer Juniorenkaders, Marc Landolf (Jg. 1992), der bereits dreifache Schweizer Juniorenmeister, Thomas Kürsteiner (Jg. 1996), Hejü Mboyo (Jg. 1998) - aktueller Schweizer Meister in der Kategorie P1 -, Nicolas Matzinger (1997), als Mitglied des Schweizer Jugendkaders sowie die beiden Neulinge Davide Bieri und Oscar Pohl, als Mitglieder des Kantonalkaders.

Alle andern trainieren während jeweils zweimal pro Woche unter der Leitung von vier erfahrenen Trainern im Verein. Zwei von ihnen - Adrian Keller und Dominic Landolf - bestreiten dabei Wettkämpfe im Geräteturnen und verstärken zusätzlich die Gerätesektion des TVO/TVK. Die andern werden zum einen erst einmal in die Geheimnisse des Kunstturnens eingeführt oder bestreiten andrerseits weiterhin kantonale und regionale Wettkämpfe in dieser anspruchsvollen Sportart, mit dem Ziel, sich da und dort eine Auszeichnung zu ergattern.

Alle treffen sich jeweils einmal im Jahr zum traditionellen Opfi-Mixed, einem Paarwettkampf, der zusammen mit den Kunstturnerinnen des TVO bestritten wird, zum alljährlichen Chlausabend im Vereinshaus oder bei speziellen Showvorführungen, wie in diesem Jahr am Galaabend im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums des TVO vom 4. Juli in der Lättenwiesen.

Bruno Valsangiacomo top

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